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Ein Weg zu mehr Sichtbarkeit

Aktualisiert: 29. Juni 2021

English version below


Die Welt in der wir leben ist voller Ungleichheiten. Ein wichtiges Instrument, um solche Ungleichheiten zu bearbeiten und sie zu eliminieren ist die Sprache. Ein erheblicher Teil unsere Kommunikation läuft über sie ab. Sie hat einen unglaublichen Einfluss darauf wie wir durch die Welt gehen, weil uns durch sie die Welt erklärt wird.


Auszug aus „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüsay: 1. Kapitel „Die Macht der Sprache“

" Was war zuerst da: unsere Sprache oder unsere Wahrnehmung? Es sind viele Jahre her. In einer warmen Sommernacht am Hafen einer Kleinstadt im Südwesten der Türkei tranken wir Schwarztee und entkernten gesalzene Sonnenblumenkerne in entspanntem Schnelltempo. Meine Tante schaute aufs Meer, in die tiefe, ruhige Dunkelheit, und sagte zu mir: „Sieh nur, wie stark dieser yakamoz leuchtet!“ Ich folgte ihrem Blick, konnte aber nirgendwo ein starkes Leuchten entdecken. „Wo denn?“, fragte ich sie. Sie deutete erneut auf das Meer, doch ich wusste nicht, was sie meinte. Lachend schalteten sich meine Eltern ein und erklärten, was das Wort yakamoz bedeutet: Es beschreibt die Reflexion des Mondes auf dem Wasser. Und jetzt sah auch ich das helle Leuchten vor mir in der Dunkelheit. Yakamoz. Seither sehe ich es bei jedem nächtlichen Spaziergang am Meer. Und ich frage mich, ob die Menschen um mich herum es auch sehen. Auch jene, die das Wort yakamoz nicht kennen. Denn Sprache verändert unsere Wahrnehmung. Weil ich das Wort kenne, nehme ich wahr, was es benennt. "

Die geschlechtliche Identität spielt in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Das scheint für Cis-Menschen (Menschen, die sich mit dem bei Geburt festgestellten Geschlecht identifizieren) erstmal nicht von großer Relevanz zu sein, für queere Menschen (Menschen deren sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität von der Hetero-Cis-Normativität abweicht) bedeutet es jedoch tagtäglich die eigene Identität erklären und rechtfertigen zu müssen.


Den meisten Menschen kann bei der Geburt das Geschlecht 'männlich' oder 'weiblich' zugeordnet werden. Sind die Genitalien anders als es diese beiden Kategorien erlauben ausgeprägt, spricht man von Intergeschlechtlichkeit Bei vielen intergeschlechen Säuglingen wird eine medizinisch nicht notwendige Operation durchgeführt, um das Geschlecht an ein männliches oder weibliches Geschlecht anzupassen.


Sogar schon vor der Geburt wird durch gender-Reveals das Geschlecht des ungeborenen Babys gefeiert. Es scheint als können wir umhin gar nicht anders, als unsere Kinder in Rollenbilder zu pressen ohne ihnen die Möglichkeit zur eigenen Entfaltung zu geben.


Wir gehen also davon aus, dass unsere Kinder cis und noch dazu hetero geboren werden. Wir werden also von klein auf zur Heteronormativität erzogen, da andere Sexualitäten und geschlechtliche Identitäten wenig bis gar keine Sichtbarkeit haben. Das führt dazu, dass Kinder, Jugendliche und sogar Erwachsene ihr Leben lang ihre Identität, Sexualität und Rolle in der Gesellschaft hinterfragen und nie richtig bei sich selbst ankommen, weil sie immer nur in Berührung mit cis-, heteronormativen Rollenbildern kommen.


Dass das biologische und soziale Geschlecht nicht bei allen Menschen übereinstimmen, ist keine Neuigkeit. Trotzdem haben Trans-Menschen im Vergleich zu Cis-Menschen heute immer noch nicht die selben Rechte, geschweige denn die selbe Sichtbarkeit.


Während das biologische Geschlecht immer gleich bleibt, kann sich das soziale Geschlecht im Laufe eines Lebens verändern. Wann der Zeitpunkt einer Transition ist, ist ganz unterschiedlich und sagt nichts über die Kredibilität der Transperson aus. Wichtig ist auch, dass zur Transition keine Geschlechtsanpassung stattfinden muss. Demnach gibt es z. B. Männer mit Brüsten und Vagina und Frauen mit Penis. Die Genitalien sagen also nichts über das soziale Geschlecht aus.


Immer noch fällt es der Gesellschaft schwer, Personen, deren soziales Geschlecht nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, oder die nicht als eindeutig männlich oder weiblich gelesen werden können, ganz normal zu behandeln. Wir sind so festgefahren in Rollenbilder, dass wir alles was auffällt und heraus sticht, begutachten wie ein Zootier hinter Gittern.


Die Kategorien Mann und Frau sind auch heute noch mit unzähligen Zuschreibungen übersät. Mann-sein und Frau-sein sind jedoch letztendlich soziale Konstrukte, dir wir selbst erschaffen haben. Es wird von einem binären System aus gegangen - von zwei Geschlechtern also. Menschen, die sich weder der einen noch der anderen Kategorie zugehörig fühlen, sind non-binär. Welche Pronomen diese Menschen nutzen möchten, ist ganz individuell. Die Frage nach den Pronomen meines Gegenübers macht aber nicht nur dann Sinn, wenn ich selbst einer Person kein Geschlecht zuschreiben kann, sondern auch wenn ich der Meinung bin, das Geschlecht der Person lesen zu können. Denn auch wenn sich eine Person z. B. als Mann identifiziert, heißt das nicht, dass er dem Rollenbild komplett entsprechen möchte und sich seiner gesellschaftlichen Rolle fügt. Folglich gibt es auch High-Heels tragende Männer, Männer in Kleidern und Röcken, Frauen mit sichtbarer Körperbehaarung, gute Mütter in Führungspositionen und Männer in Teilzeitjobs. Das Geschlecht einer Person kann ich also nicht von reinen Äußerlichkeiten oder Umständen ablesen.


Beim Vorstellen die eigenen Pronomen zu nennen und nach denen des Gegenübers zu fragen, vermeidet also Missverständnisse und erleichtert ganz besonderes Menschen, die oft falsch gelesen werden, den Alltag.


Verschiedene Rollenbilder sind mit Vor- und Nachteilen behaftet. So ergeben sich zwar unterschiedliche Privilegien, aber auch unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen aus den Rollenbildern. Zum Beispiel wird Männern seltener geglaubt, wenn sie von körperlicher Gewalt durch eine Frau berichten und Frauen müssen mit einem erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt nach einer Schwangerschaft rechnen. Die Privilegien der einen bauen auf den Nachteilen der anderen auf. Beides beruht auf Rollenbildern und Zuschreibungen, von denen wir eigentlich wissen, dass sie längst überholt sind. Es ist also fraglich ob Geschlechterkategorien überhaupt noch einen Nutzen haben, wenn wir uns von solchen Zuschreibungen irgendwann ganz gelöst haben, oder ob „Geschlecht“ in Zukunft eine unbrauchbare Kategorie sein wird.


Ein weiteres wichtiges Instrument, um für Sichtbarkeit zu sorgen ist die Beachtung der Genderschreibweise. Es gibt verschiedene Arten und Methoden doch zielen alle Schreibweisen darauf ab, neben dem Maskulinum auch das Femininum abzubilden, sowie durch „:“ oder „*“ Platz für jene Menschen zu schaffen, die sich weder dem einen noch dem anderen zuordnen und/oder queer sind. Marginalisierten Menschen soll also die Sichtbarkeit gegeben werden, die andere sowieso schon haben.


Diese Schreibweise trifft vielerorts auf Ablehnung, weil sie zu kompliziert sei und der Lesefluss darunter leide. Irritation ist tatsächlich ein Ziel der Bewegung, denn es sorgt für Aufsehen und Sichtbarkeit und regt Diskussion an.


Dass unsere Sprache sich nie fertig entwickeln wird ist klar, darum ist es umso spannender an der Entwicklung teilzuhaben und Sprache inklusiver zu machen. Wer ein offenes Weltbild reproduzieren möchte, ist also eingeladen an der Entwicklung teilzunehmen und durch Austausch, Diskussion und Unterstützung den Weg in die Zukunft zu ebnen. Unsere Sprache ist somit ein wichtiges Instrument, um unsere Umwelt zu beeinflussen und Sichtbarkeiten, Zuschreibungen und Normen in inklusive Richtungen zu entwickeln und den gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten.



P.S.: Ich schreibe das hier als Cis-Frau und bin mir auch meinen Privilegien bewusst (jedenfalls denke ich das, und freue mich deshalb immer auf Kritik und Denkanstöße). Ich schreibe über ein Thema mit dem ich selbst wenige Berührungspunkte habe, ich schreibe über Menschen, schreibe aus einer Perspektive, aus der schon genug geschrieben wurde – aus der einer hetero Cis-Person. Queere Menschen haben noch viel zu wenige Räume und Möglichkeiten selbst in der Öffentlichkeit ihre Gedanken, ihre Werke, ihre Kunst zu teilen. Oft können sie ja nicht mal ihre eigene Identität teilen und verstecken sich hinter einer Fassade. Gleichzeitig aber stehen queere Menschen keineswegs in der Pflicht über diese Themen aufzuklären. Es ist ganz besonders die Aufgabe der privilegierten Mehrheit sich zu informieren, zuzuhören und verstehen zu lernen. Das braucht viel Einsicht und Geduld, lohnt sich aber, denn es ist ein Augen-öffnen. So können wir als Allies (deutsch: Verbündete) dafür sorgen, dass sich marginalisierte Gruppen gesehen und wertgeschätzt fühlen und an der Gesellschaft teilhaben können.


pronouns, gender, identity, society, sexuality
Gender Identity plays a mayor role in our society. Because we let go more and more of gender norms and attributions, we should start introducing ourselves by adding our pronouns. This way we ensure that we address people with the correct pronouns and gender.

One step forward for more visibility


The world we live in is full of inequalities. Language is an important tool for dealing with such inequalities and eliminating them. A significant part of our communication takes place through them. It has an incredible influence on how we go through the world because it is how the world is explained to us. Excerpt from "Sprache und Sein" by Kübra Gümüsay: Chapter 1 "The Power of Language"

"What came first: our language or our perception? It was many years ago. On a warm summer night at the port of a small town in southwest Turkey, we drank black tea and pitted salted sunflower seeds at a relaxed, fast pace. My aunt looked out at the sea, into the depths , quiet darkness, and said to me: "Just look how strongly this yakamoz shines!" I followed her gaze, but couldn't find a strong glow anywhere. "Where?" I asked her. She pointed again to the sea, but I didn't know what she meant. Laughing, my parents joined in and explained what the word yakamoz means: It describes the reflection of the moon on the water. And now I too saw the bright glow in front of me in the darkness. Yakamoz. Since then, I've seen it every night for a walk by the sea, and I wonder if the people around me see it too, even those who don't know the word yakamoz, because language changes our perception ng. Because I know the word, I perceive what it means. "


Gender identity plays a major role in our society. This does not seem to be of great relevance for cis gendered people (people who identify with the gender determined at birth), whereas for queer people (people whose sexual orientation or gender identity deviates from the hetero-cis normativity) it means having to explain and justify one's own identity on a daily basis.


Most people can be assigned 'male' or 'female' at birth. If the genitals are different from what these two categories allow, one speaks of intersexuality. Many intersexual infants have a medically unnecessary surgery to adjust their gender to a male or female gender. Even before the birth, the gender of the unborn baby is celebrated through gender reveals. It seems as if we can't help but press our children into certain gender roles without giving them the opportunity to develop a gender identity of their own. So we assume that our children are born cis and hetero too. We are brought in a heteronormative society from an early age, as other sexualities and gender identities have little to no visibility at all. As a result, children and even adults question their identity, sexuality and role in society throughout their lives and never really arrive at their true selves because they only ever come into contact with cis, heteronormative concepts. It is not news that the biological gender (sex) and social gender do not match in all people. Nevertheless, compared to cis people, trans people still do not have the same rights, let alone the same visibility. There are even countries like the U.S. that have anti-trans-bills and act agains trans people. While the biological gender (sex) always remains the same, the social gender can change over the course of a lifetime. The time of a transition is very different and says nothing about the credibility of the transperson. It is also important that no adaption of the gender has to take place in order to transition. There for, a man can have breatsts and a vagina and a women can have a penis. The genitals do not say anything about the social gender of a person.


It is still difficult for society to treat people in a normal way whose gender does not match their biological sex or who cannot be read male or female. We are so stuck in gender roles that we examine everything that stands out and stare at them like a zoo animal behind bars. Even today, the categories of man and woman are littered with innumerable attributions. However, being a man and being a woman are ultimately social constructs that we created outselves. Most of society thinks in a binary system - the existence of the male and the female gender. People who do not feel they belong to either category are non-binary. Which pronouns these people want to use is very individual. To question people about their pronouns makes sense not only when I unable to ascribe a gender to a person, but also when I believe that I can read the gender of the person. Because even if a person ,for example, identifies as a man, that does not mean that he wants to fully conform to the concept of mascilinity and that he conforms to his social role. As a result, there are men wearing high heels, men in dresses and skirts, women with visible body hair, good mothers in management positions and men in part-time jobs. You can't tell the gender of a person from mere externalities or circumstances. Naming your own pronouns when introducing yourself and asking about those of the other person avoids misunderstandings and makes everyday life easier for people whose gender is often misinterpreted. Different gender roles have advantages and disadvantages. This results in different privileges, but also different experiences of discrimination from that gender role. For example, men are less likely to be believed when they report physical violence by a woman and women have to reckon with difficult access to the labor market after pregnancy. The privileges of one builds onto the disadvantages of the other. Both are based on gender roles and ascriptions that we actually know are long out of date. It is therefore questionable whether gender categories will still be of any use once we have completely broken away from such ascriptions at some point, or whether “gender” will be an unusable category in the future.


Another important tool to ensure visibility is the use of gender neutral language. There are different types and methods, but all spellings aim to depict the feminine as well as the masculine, and to create space for those people who dont assign themselves to one or the other and / or queer, by using “:” or “*” . This is one tool how marginalized people are given the visibility that others already have. Gender conforming language is often rejected because it is said to be too complicated and that one could not read very fluently. Irritation is actually a goal of the movement, because it creates attention and visibility and stimulates discussion. It is clear that our language will never finish development, which is why it is all the more exciting to participate in the development and to make language more inclusive. Anyone who wants to reproduce an open mindset is invited to participate in the development and to pave the way into the future through exchange, discussion and support. Our language is therefore an important instrument to influence our environment and to develop visibilities, attributions and norms in inclusive directions and to help shape social change. P.S .: I am writing this as a cis woman and am aware of my privileges (at least I think so, and therefore always look forward to criticism). I write about a topic with which I myself have few points of contact, I write about people, write from a perspective from which enough has already been written - from that of a straight cis person. Queer people still have far too few spaces and opportunities to share their thoughts, their works, their art in public. Often they cannot even share their own identity and hide behind a facade. At the same time, however, queer people are by no means obliged to educate people about these issues. It is especially the task of the privileged majority to learn, to listen and to learn to understand. This takes a lot of insight and patience, but it is worth it, because it opens your eyes. In this way, as allies, we can ensure that marginalized people feel seen and valued and can participate in society.

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