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Thema: Rechtswissenschaften.


Erste Vorlesung.


Der Professor betritt den Hörsaal.


Er schaut sich um.


"Sie da in der 8. Reihe. Kannst du mir deinen Namen sagen?", fragt er einen Studenten.


"Mein Name ist Sandra", sagt eine Stimme.


Der Professor bittet sie: "Bitte verlassen Sie meinen Hörsaal. Ich möchte Sie nicht in meiner Vorlesung sehen."


Alle sind still. Die Studentin ist irritiert, packt langsam ihre Sachen zusammen und steht auf.


"Schneller bitte", wird sie aufgefordert.


Sie traut sich nicht, etwas zu sagen und verlässt den Hörsaal.


Der Professor schaut sich immer wieder um. Die Teilnehmer sind verängstigt.


"Warum gibt es Gesetze?", fragt er die Gruppe.


Alle schweigen. Alle schauen die anderen an.


"Wozu gibt es Gesetze?", fragt er erneut.


"Soziale Ordnung", hört man aus einer Reihe.


Ein Schüler sagt: "Um die persönlichen Rechte der Menschen zu schützen."


Ein anderer sagt: "Damit man sich auf den Staat verlassen kann."


Der Professor ist nicht zufrieden.


"Gerechtigkeit", ruft ein Student.


Der Professor beginnt zu lächeln. Sie hat seine Aufmerksamkeit.


"Ich danke Ihnen sehr. Habe ich mich vorhin gegenüber Ihrem Mitschüler ungerecht verhalten?"


Alle nicken.


"Das habe ich in der Tat. Warum hat niemand protestiert?


Warum hat keiner von euch versucht, mich aufzuhalten?


Warum habt ihr diese Ungerechtigkeit nicht verhindern wollen?", fragt er.


Niemand antwortet.


"Was ihr gerade gelernt habt, hättet ihr in 1.000 Stunden Vorlesungen nicht verstanden, wenn ihr es nicht erlebt hättet. Ihr habt nichts gesagt, nur weil ihr selbst nicht betroffen wart. Diese Haltung spricht gegen dich und gegen das Leben. Du denkst, solange es dich nicht betrifft, geht es dich auch nichts an. Ich sage dir, wenn du heute nichts sagst und dich nicht für Gerechtigkeit einsetzt, dann wirst auch du eines Tages Ungerechtigkeit erfahren und niemand wird vor dir stehen. Die Gerechtigkeit lebt durch uns alle. Wir müssen für sie kämpfen."


"Im Leben und bei der Arbeit leben wir oft nebeneinander statt miteinander. Wir trösten uns damit, dass uns die Probleme der anderen nichts angehen. Wir gehen nach Hause und sind froh, dass wir verschont geblieben sind. Aber es geht auch darum, für andere einzutreten. Jeden Tag geschieht eine Ungerechtigkeit in der Wirtschaft, im Sport oder in der Straßenbahn. Es reicht nicht aus, sich darauf zu verlassen, dass jemand das in Ordnung bringt. Es ist unsere Pflicht, für andere da zu sein. Für andere zu sprechen, wenn sie es nicht können."


Und ja. Der Professor bittet den zuvor informierten Studenten, wiederzukommen.








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